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Am 23. Januar 2018 ist in St. Petersburg der Antifaschist Viktor Filinkov verschwunden. Nach zwei Tagen wurde er gefunden. Wie die Pressestelle der St. Petersburger Gerichte vermeldet, wurde Filinkov verhaftet und hat gestanden Teil einer terroristischen Vereinigung, die eine „anarchistische Ideologie teilt“ zu sein. Einen Tag später suchten ihn Mitglieder des ONK, einer Beobachtungskommission zur Einhaltung der Menschenrechte, auf und es stellte sich heraus, dass Filnikov gefoltert wurde. Am 25. Januar ist der St. Petersburger Igor Shishkin verschwunden. Zuletzt ging er mit seinem Hund Gassi. Nach Hause kam der Hund nicht alleine, sondern in Begleitung vom Geheimdienst. Das Dzerzhinsky-Gericht in St.Petersburg hat Shishkin nach denselben Anklagepunkten wie Filinkov verurteilt. Journalisten wurden zu der Gerichtsverhandlung nicht zugelassen. Er wurde brutal zusammengeschlagen. Die Ermittlungen zu diesen Vorfällen in St. Petersburg wurden durch ein Bezirksgericht der Stadt Pensa sanktioniert.

Was verbindet Pensa, St. Petersburg und Antifaschisten?

Am 11. Dezember 2017 veröffentlichte die Plattform OVD-Info einen ausführlichen Bericht über die Verfolgungen im Zusammenhang mit der „Revolution von Malcev“ am 5. November. Dort fand unter anderem das Strafverfahren über eine terroristische Vereinigung in Pensa Erwähnung. Damals berichteten wir, dass in diesem Fall fünf Personen angeklagt waren, zwei von ihnen Anarchisten. Das stimmt allerdings nicht ganz. Angeklagt waren in diesem Fall tatsächlich sechs Personen und keine von ihnen ist auf irgendeine Art mit dem Fall Malcev verbunden, auch wenn die gerichtliche Untersuchung vermutlich etwas anders behauptet. Außerdem sind unter den Angeklagten auch Antifaschisten. Einer von ihnen, Arman Sagynbaev, lebte vor seiner Verhaftung in St. Petersburg. Nach Berichten der Internet-Zeitung „Fontanka“, tauchten bei der Verhandlung zur Verlängerung von Shishkins Untersuchungshaft in den Unterlagen, die dem Ermittler vorgelegt wurden, Protokolle des Verhörs von Sagynbaev auf.

Am 17. oder 18. Oktober wurde in Pensa der erste Angeklagte in diesem Fall, Egor Zorin, verhaftet. Darauf folgten Verhaftungen des Antifaschisten Ilja Shakursk und die seines Bekannten Vassilij Kuksov. Am 27. Oktober wurde Dmitrij Pchelincev verhaftet. Anfang November wurde in Pensa Andrej Chernov und in St. Petersburg Arman Sagynbaev verhaftet. Sagynbaev wurde dabei nach Pensa überführt und in Isolationshaft gesteckt. Laut gerichtlicher Untersuchungen sollen sie alle Teil der Terrorgruppe „5.11“ gewesen sein, die Unruhen im Land vorbereitet haben soll. Momentan befinden sich fünf Personen in Untersuchungshaft, die sechste steht unter Hausarrest. Die Angeklagten des Falles berichten von psychologischer Druckausübung, Folter mit Elektroschockern, einem „kopfüber aufgehängt werden“ und Waffen, die der Geheimdienst FSB ihnen untergeschmuggelt hat.

Beim Airsoft gibt es im Vergleich zum Paintball kein Rating, weil die Verantwortung für die Einhaltung der Regeln ganz in den Händen der Spieler selbst liegEin Spieler der getroffen wurde, ist verpflichtet das sofort zuzugeben und unverzüglich einen gut unterscheidbaren roten Verband anzulegen, der seinen Tod (oder eine Verletzung) im Spiel bedeutet. Der Spieler ist sogleich verpflichtet, einen zu diesem Zweck als Friedhof (oder Lazarett) markierten Ort aufzusuchen. Dementsprechend zielt das Spiel auf keinen Gewinn ab, sondern auf Ehrlichkeit und Spaß an der Sache. Darüber zu streiten wer tot ist und wer nicht, ist sehr unangenehm. Spieler, die noch während des Spiels darüber einen Streit losbrechen, werden bis zum Ende des Spiels vom Spielfeld entfernt.

Als Waffen werden beim Spiel sogenannte Softairwaffen mit Plastikmunition des Kalibers 6 oder 8 mm eingesetzt. Die Kugel wird mithilfe von Druckluft oder eines Gasgemischs abgefeuert. Solche von Airsoft-Spielern benutzte Waffen werden „Drivegear“ genannt. Üblicherweise wird das Drivegear durch einen elektrischen Motor mit einer Batterie betrieben, aber es gibt auch Waffen, die mithilfe von Muskelkraft oder Gas funktionieren.

„Gar kein Zweifel, Terrorismus ist übel“, sagt Alexander Fedulov, der Anwalt Kuksovs. „Aber man sollte diejenigen bestrafen, die wirklich damit zu tun haben und nicht alle durch die Bank weg. Ich habe auch Airsoft gespielt. Nur um mal abzuschalten. Ich habe auch eine Drivegear zuhause. Dafür braucht man keine Genehmigung. Ich habe abends auch auf Ziele im Park geschossen. Ich mochte es einfach als Spielzeug… Dmitrij Pchelincev an seine Frau<br />

 

Dann hat Vasya eben gerne Kriegsspielchen gespielt. Zweimal hat er eine Drivegear abgefeuert… Zur Verhandlung über eine Verlängerung (des Arrests – Ergänzung von OVD-Info) habe ich ein zwanzigminütiges Plädoyer abgehalten. Nicht ein Wort davon ist in die Urteilverkündung mit einbezogen worden. Der Ermittler verliest den Gerichtsbeschluss: „… Beteiligung an illegalen Übungen zum Überlebenstraining im Wald und dem Erlernen von Erste Hilfe Maßnahmen“. An welcher Stelle des Gesetzbuches steht die Legalität dieser Tätigkeiten zur Disposition?! Und verstehst du, der Richter sitzt da und nickt dazu. „Planten Anschläge auf die Büros der Partei „Einiges Russland“, Anschläge auf Postämter…“. So ein Schwachsinn!“ Angelina Pchelenceva zu ihrem Mann

 

Als am 19. Oktober Kuksovas Ehefrau Elena von der Arbeit nach Hause kam, stellte sie fest, dass Vassilij immer noch nicht zuhause war, obwohl er normalerweise vor ihr da sein sollte. Sie versuchte ihn auf seinem Handy zu erreichen, es gab ein Freizeichen, aber ihr Mann nahm nicht ab. Nach einigen Stunden hörte Elena dann wie jemand versuchte die Wohnungstür mit einem Schlüssel zu öffnen. Als sie durch den Türspion schaute, erblickte sie etwa zehn unbekannte Männer, einer von ihnen hatte ihren Ehemann am Hals gepackt, Vassilij konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die Männer verkündeten, dass sie vom FSB seien.

Hose und Jacke ihres Mannes waren zerrissen und blutverschmiert. Stirn und Nase waren gebrochen, als hätte man ihn buchstäblich gegen Asphalt geschlagen. Nach Elenas Angaben verlief die Hausdurchsuchung oberflächlich. Danach wurde Vassilij gefragt ob er im Besitz eines Autos sei. Die FSB-Mitarbeiter führten Kuksov und seine Frau zum Auto und befahlen ihm es zu öffnen. Als Kuksov sich dem Auto näherte, stellte er fest, dass das Schloss sich nicht an der gewohnten Stelle befand. Auf die verwunderte Anmerkung Kuksovs erwiderte der FSBler grob „Was willst du denn damit sagen?“ Der Geheimdienst begann das Auto zu durchsuchen und fand dabei eine Waffe. Kuksov, der bis dahin sehr ruhig war, begann zu schreien, dass ihm die Waffe untergejubelt wurde.

Am selben Tag wurde Ilja Shakurskij verhaftet. Anfangs wurde er noch der Organisation der Gruppe bezichtigt, später wurde die Anklage auf „Beteiligung“ abgeändert. Shakurskij organisierte Vorträge, Aufräumaktionen in Parks im Rahmen von Umweltschutzinitiativen, veranstaltete Tierschutzaktionen. Shakurskij ist durchaus eine Figur mit Wiedererkennungswert in der lokalen linken Szene.

Eine Freundin von Shakurskij berichtet, dass er es schon zu Schulzeiten irgendwie geschafft hatte seine Mitschüler zu mobilisieren um gemeinsam mit ihnen den Fluss Moksha zu säubern. Zuvor ist noch nie jemandem so eine Idee in den Sinn gekommen, aber Ilya schon. Nach einer Weile suchten dann Vertreter der Stadtverwaltung der Stadt Moksha gemeinsam mit der Polizei die Schule auf. Shakurskijs Mitschülern wurde eine extra Lehrstunde erteilt, in der den Schülern erzählt wurde Ilya sei ein Nazi und seine Altersgenossen müssten den Kontakt zu ihm abbrechen. Über diese Geschichte haben Shakurskij und seine antifaschistischen Freunde sich noch sehr lange amüsiert.

Während der Gerichtsverhandlung über die Verlängerung der Untersuchungshaft am 14. Dezember, saß Shakurskij aus irgendeinem Grund im Zuschauerraum des Gerichtssaals und nicht gemeinsam mit Sagynbaev und Pchelincev im Gerichtskäfig. Möglicherweise wollte der Ermittler somit verhindern, dass Shakurskij sich mit den anderen Angeklagten unterhält. Die drei Angeklagten hatten eine gemeinsame Gerichtsverhandlung. Shakurskij wirkte sehr bedrückt, saß mit heruntergezogener Kapuze da. Neben ihm saß seine Mutter, die ihn die ganze Zeit umarmte. Sie fragte ihren Sohn die ganze Zeit etwas, er aber antwortete immer einsilbig. Das längste, das er seiner Mutter während ihrer Unterhaltung erwiderte war auf das Neujahrsfest bezogen: „Mama, du musst unbedingt die Tanne schmücken.“

Laut Angaben des Anwalts Fedulov, hat Shakurskij ein Schuldgeständnis abgegeben. Im Großen und Ganzen haben alle ein Schuldeingeständnis abgeliefert. Alle, außer Kuksov, der sich auf sein Recht zu schweigen, nach Artikel 51 der Verfassung berief und die Aussage verweigerte. Vor einiger Zeit waren Shakurskij und Pchelincev noch Freunde, trainierten und machten Sport zusammen, spielten gemeinsam Airsoft. Aber in den vergangen Monaten hatten die beiden keinen Kontakt zueinander.

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…es ist niederträchtig so mit Menschen umzugehen. Du wirst verdächtigt und beschuldigt, aber solange keine Beweise vorliegen, bist du unschuldig. Und warum befinde ich mich dann in solch beschissenen Umständen, SO IST DAS eine doppelte Bestrafung für etwas, was ich gar nicht verbrochen habe.
Dmitrij Pchelincev zu seiner Frau<br />
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Ich pfeife auf Geburtstage, das Neujahrsfest und alle anderen Feiertage. Und ich pfeife auf alle Schwierigkeiten die mir noch bevorstehen. Nur du bist mir wichtig. Wenn ich könnte, würde ich alles an deiner Seite mit dir durchstehen. Aber ich weiß, dass du dagegen wärst und es ohnehin unmöglich wäre. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun um dir zu helfen. Und du sorg dich bloß nicht um mich, glaub mir, ich werde zurechtkommen.
Angelina Pchelenceva zu ihrem Mann<br />

Vor seiner Verhaftung arbeitete Pchelincev als Schießtrainer. Eine Ausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes an der Artillerie- und Ingenieur-Schule der Stadt Pensa. Am 27. Oktober verließ Pchelincev früh morgens sein Haus um seine Großmutter zu treffen. Seine Frau Angelina schlief noch als Pchelincev in die Wohnung zurückkehrte. In Handschellen und in Begleitung des Geheimdienstes FSB. Nach Berichten der Ehefrau habe der Geheimdienst bei der Hausdurchsuchung die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt. Im Anschluss wurden beiden die Telefone und andere technische Informationsträger weggenommen. Außerdem wurden beschlagnahmt: eine registrierte Schusswaffe, zwei Jagdkarabiner, sowie zwei Schreckschusspistolen.

Danach gingen sie zu seinem Auto. Pelinchevs Wagen war zu dem Zeitpunkt schon eine Weile kaputt, er hatte es zuvor mit Mühe und Not zum Haus geschleppt. Die Alarmanlage funktionierte auch nicht. Die FSB-Mitarbeiter stiegen ins Auto und durchsuchten es. Und in einem Moment, in dem keiner hinsah, fanden sie plötzlich unter dem Rücksitz zwei Handgranaten. Pchelincev sagte darauf: „Das Auto hat keine funktionierende Alarmanlage – ganze Arbeit geleistet!“ und deutete damit an, die Handgranaten seien ihm untergejubelt worden.

Noch am selben Tag wurde Angelina vom FSB angerufen und zu einer vermeintlichen Befragung ihres Mannes bestellt. Es sei nötig, dass sie bei dem Verhör ihres Mannes mit anwesend sei. Bei der FSB-Stelle angekommen musste sie dann feststellen, dass kein Verhör ihres Mannes anstand. Frau Pchelinceva wurde von zwei Geheimdienstmitarbeitern empfangen. Während des Gesprächs mit den beiden, spielte einer von ihnen mehrdeutig mit einer „Ahle“ herum, einem Werkzeug mit spitz zulaufendem, dünnen Metallstift und Holzgriff. Dabei drohte er Frau Pchelinceva, ihr Mann könne Lebenslänglich bekommen. Der FSBler sagte dabei man müsse nur „jemandem ins Bein schießen“, damit Pchelincev aufhöre seine Aussage nach Artikel 51 der Verfassung zu verweigern.

Das Bescheuertste an diesem Fall ist, es wird von einer Terrororganisation gesprochen, die weder jemals einen Terroranschlag verübt, noch einen geplant hatte, – sagt Pchelinceva. – „Das heißt bei der Gerichtsverhandlung konnte von keinem geplanten Anschlag die Rede sein, es war unmöglich zu sagen, sie planten an dem und dem Tag die und die Tat. Das war unmöglich zu bestimmen, weil überhaupt nichts geplant wurde. Alles was die Angeklagten taten, waren Erste Hilfe Übungen unter Feldbedingungen zu trainieren und Überlebenstraining im Wald zu proben. Ist das etwa illegal?“ Dmitrij Pchelincev an seine Frau

 

Nach einigen Tagen in Untersuchungshaft verkündete Pchelencev, dass er bereit ist seine Schuld einzugestehen. Das war ein großer Schock für seine Familie, die sich der Unschuld Dmitrijs vollkommen sicher war. Um sich einen Anwalt leisten zu können, nahmen seine Verwandten einen Bankkredit auf. Der Anwalt Aleksej Agafonov verlangte 150 Tausend Rubel (etwa 2.150 Euro) als Vorauszahlung. Trotz dieser Gage, kümmerte sich der Anwalt aber herzlich wenig um die Bedürfnisse seines Mandanten. Agafonov besuchte Pchelencev regelmäßig in Untersuchungshaft und zeigte ihm dabei lediglich wo er welche Unterlagen der Staatsanwaltschaft zu unterschreiben habe. Der Anwalt hätte aber durchaus auch arrangieren können seinen Mandanten Dmitrij vor dem Eintreffen des Ermittlers am Montag zu treffen und zusätzlich am Dienstag beim Eintreffen der FSB-Mitarbeiter anwesend sein können. Auf das befremdete Erstaunen Pchelincevs antwortete der Anwalt Agafonov nur: „Nun, ich bin ja noch aufgekreuzt.“


Ungerecht. Unehrlich. Falsch. Sinnlos. Alle Wege meines Lebens führten nur auf eins hinaus. Du, Großmutter, meine Schwester und Eltern, sowie noch eine Menge anderer Leute wissen, dass ich ein guter Mensch bin. Aber warum zählt das nun alles nicht und ist das bei allem was mir gerade widerfährt nicht von Belang, drauf gespuckt? Gespuckt auf die gesamte, vollkommen harmlose Person, mit all ihren Freuden und Leiden, Gedanken und Sorgen. Was bringt das alles, außer einem großen Trauma für mich und meine Liebsten? Das alles macht mich nicht mal mehr wütend, sondern nur noch unendlich traurig. Das alles ist kein Zufall, keine unglückliche Fügung der äußeren Umstände. Es ist einfach eine ungerechte Bestimmung, von jemandem konkret veranlasst. Ein sinnloser Samstag. Wenigstens durfte ich duschen. Mir den Bart abrasieren. Ich möchte nicht dem ähneln, was mir unterstellt wird. Womit liege ich denn bloß falsch, Angelina?
Dmitrij Pchelincev an seine Frau

Ich glaube dir, genau wie auch deine Familie und deine Freunde. Alle sind sehr besorgt um dich und wissen was vor sich geht. Für uns ist das ganz offensichtlich. Den ersten Monat habe ich mich noch gefragt wie man nur SO mit einem Menschen umspringen kann. Aber später habe ich aufgehört nach einem Sinn zu suchen. Das ist eine gnadenlose Walze, der es völlig egal ist, wen sie überrollt und wer unter ihr begraben wird.
Angelina Pchelinceva an ihren Mann:

Einmal fragte der Anwalt Agafonov Pchelincevas Frau bei einem Treffen, ob ihr Mann sich „Fantasien hingebe“, mit anderen Worten an Wahnvortellungen leide. Angelina verstand nicht ganz und erwiderte, dass in seiner Lage wohl kaum die Zeit für „Fantasien“ sei. Später stellte sich heraus, dass Dmitrij seinem Anwalt erzählte, dass er jeden Tag von Mitarbeitern des FSB aufgesucht werde und sie ihn in einem anderen Zimmer „verhörten“. Aber der Anwalt war der Meinung, dass so etwas in Untersuchungshaft unmöglich sei. So etwas sei dort strikt verboten.

Anfangs hat Angelina keine Post von ihrem Mann erhalten, obwohl er ihr so gut wie jeden Tag Briefe schrieb. Die Briefe landeten alle auf dem Tisch der FSB-Mitarbeiter. Erst nach einem Monat fand Angelina einen dicken Umschlag in ihrem Briefkasten, der alle Briefe ihres Mannes des vergangen Monats beinhaltete. Dann stellte sich erst heraus, dass Dmitrij sich praktisch seit dem ersten Tag über seinen Anwalt Agafonov beschwerte. Angelina sagte, dass der eigene Anwalt ihrem Mann nicht glauben wollte, gab Dmitrij endgültig den Rest. Dabei saß er auch noch in Einzelhaft in maximaler Isolation von der gesamten Außenwelt. Der Anwalt war dabei der einzige Mensch dem er sich in dieser Situation anvertrauen konnte.

Bedenkt man die Verknüpfung zwischen den Sicherheitsorganen und den Gerichten unserer Stadt, so reichen schon die kleinsten Beweise für eine Verurteilung aus, – meint Fedulov. – Weil das ein Präzedenzfall in unserer Region ist. Alle sind natürlich interessiert an der Geschichte, gemäß dem Fall: Stell dir vor, sie haben die Terroristen geschnappt! Terroristen, die mit Holzstöcken und Kiefernzweigen durch den Wald gerannt sind. Vassja hat mir damals erzählt: „Weißt du wovor ich damals am meisten Schiss hatte, Sasha? Das tatsächlich jemand sieht wie ich im Wald rumrenne und Kriegsspielchen spiele. Ich wäre vor Scham im Erdboden versunken“. Einen Verfassungssturz sollen sie geplant haben… Den Verfassungssturz auf wessen Territorium denn… Auf dem Territorium des Dorfes „Shalushejki“? Und womit hätten sie diesen Sturz herbeigeführt- mit ihren „Drivegears“?

 

Einmal erhielt Pchelinceva einen Brief von Ihrem Mann auf einem Fetzen Papier, wahrscheinlich aus einem Schreibheft rausgerissen. Am Anfang stand geschrieben, dass ihr Mann 800-Seiten lange Bücher liest und seine Frau liebt. Diese Zeilen waren aber durchgestrichen und dahinter angefügt schrieb Dmitrij in sehr unleserlicher Schrift: „Schreib mir nicht mehr, schick mir keine Sachen her, fahr möglichst weit weg und frag nicht mehr nach mir, mit mir ist alles vorbei.“

In eben diesem Brief schreibt Pchelincev auch, dass ihm Beruhigungsmittel gespritzt und Tabletten verabreicht werden – und das sei „schlimmer als der Tod“. Seine Frau dachte Dmitrij wäre nicht ganz bei sich und antwortete ihm:

„Ich habe ein Stück Papier zur Hand genommen und mit zitternden Händen geschrieben, dass alles gut werden wird. Ich habe realisiert, dass wenn auch für uns hier nicht so viel Zeit vergangen ist, so war diese Zeit für ihn doch beachtlich länger. Damals hat Dmitrijs Vater dann dem Anwalt Agafonov erklärt, er solle sich aus der Vorauszahlung, die ihm geleistet wurde soviel nehmen wie er für angemessen hält und ihnen den Rest zurückerstatten. Und dann haben wir einen neuen Anwalt gefunden.“

 

Nach der Verhandlung von Pchelincevs Anklage am 1. Dezember durften Angelina und Dmitrij sich sehen und miteinander reden. Dmitrij erzählte, er habe um ein Treffen mit seiner Frau gebeten um „Abschied zu nehmen“. Nach Pchelincevs Angaben wurde er täglich gefoltert – er wurde kopfüber aufgehängt, Stromschläge wurden an unterschiedlichen Körperstellen verabreicht, unter anderem an den Lenden. Er hatte Todesangst, fürchtete sie könnten ihn umbringen und es hinterher wie Selbstmord aussehen lassen. Er sagte, dass sein Organismus die Folterungen nicht aushalten könnte: „Ich habe Angst, dass mein Herz das nicht mitmacht und ich hier lebend nicht mehr raus komme. Das ist die Hölle.“ Pchelincev bat seine Frau dem Ermittler zu sagen, dass er sich von ihr „verabschiedet habe“, in der Hoffnung sie würden ihn an diesem Tag von den Folterungen verschonen. Angelina berichtet, dass sie sich schon im Vorfeld auf diesen Besuch vorbereitet hatte, sie wollte nicht vor den FSBlern weinen und versuchte die Fassung zu bewahren und bemühte sich sehr ihren Mann irgendwie aufzuheitern. Sie versuchte ihren Mann zu überzeugen nicht aufzugeben und durchzuhalten, abzuwarten bis der neue Anwalt sich etwas einfallen ließe.

Nachdem ihr Mann wieder abtransportiert wurde, fragte der Ermittler Angelina worüber sie mit ihm gesprochen habe. Sie antwortete: „Hören Sie auf Dima zu töten“.

Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn wir den Mars besiedeln würden. Besser noch einen viel weiter entfernten Ort. Damit für den Fall der Fälle diese Erdenbürger nicht zu uns fliegen könnten. Das nächste Mal brauchst du mir übrigens nichts zu schicken. Ich denke ich brauche nichts. Also fahre erst mal nicht mehr zu mir. Ich schreibe dir, falls was ist. Im Großen und Ganzen halte ich durch. Denke mir aus, wie wir gemeinsam leben könnten. Dmitrij Pchelincev an seine Frau

Ich hab alles mit Elon Musk vereinbart. Wir fliegen gemeinsam davon und kehren nie wieder auf diesen Planeten zurück. Lass uns nur durchhalten und warten bis das Raumschiff fertig gebaut ist, einverstanden?
Angelina Pchelinceva an ihren Mann

Arman Sagynbaev, einer der am spätesten verhafteten Angeklagten, hat schwerwiegende gesundheitliche Probleme und benötigt langfristige medizinische Hilfe. Bei seiner letzten Gerichtsverhandlung über die Verlängerung der Maßregel im Dezember berichtete er, dass er an ständigem Erbrechen und Übelkeit leide.

Zorin ist ein Kommilitone Shakurskijs, sie studierten gemeinsam an der Penser Staatlichen Universität Physik auf Lehramt. Zorin wurde als Erster verhaftet und er hat auch als erster ausgesagt. In seiner Aussage finden sich Passagen wie: „… Terrororganisation äußerster Geheimhaltung, die sich in Wäldern ein Schema zum Regierungssturz erarbeite…“ Das neue Jahr begann Zorin in Freiheit – er wurde aus der Untersuchungshaft in den Hausarrest entlassen.

Laut der Version des Ermittlers, sei die Gruppe „5.11“ mit dem Ziel gegründet worden, einen revolutionären Putsch zu planen und die Regierung mit Hilfe terroristischer Handlungen zu stürzen.Neben dieser Gruppe seien außerdem noch weitere, ähnliche Gruppierungen auf dem Territorium der Russischen Föderation tätig, die gemeinsam Teil einer verbindenden Organisation seien, die mit vergleichbaren Zielen und Methoden tätig agiere.

Die Teilnehmer der Gruppe „5.11“ handelten konspirativ, es hätte unter ihnen eine Rollenzuweisung gegeben. So heißt es, in der Gruppe soll es einen Sappeur und einen Funker gegeben haben. In diesem Zusammenhang waren die Airsoft-Spiele, nach Auffassung des Ermittlers, Vorbereitungen für Terror. Dabei ist heute keinerlei Verbindung, ob prozessual oder faktisch, zwischen den beiden Fällen „Revolution von Malcev“ und dem Penser Fall der Antifaschisten zu erkennen. Die einzige Gemeinsamkeit findet sich in der Verwendung der Zahlen 5 und 11 im Namen der „Terroristischen Vereinigungen“.

Das Licht brennt hier 24 Stunden am Tag. Wenn sie mich nicht für unschuldig befinden und raulassen, werden sie mich wegen fortgeschrittenen Alzheimers entlassen müssen. Die Feuchtigkeit hier ist so enorm, sie könnten mich aufgrund von Tuberkulose gehen lassen. So schmutzig wie es hier ist, gäbe es Anlass mich wegen Hepatitis frei zu lassen. Und soviel wie ich rauche, gäbe es Anlass mich wegen Krebs gehen zu lassen. Und in Anbetracht der vielen Schokolade, die ihr mir geschickt habt, wäre Diabetes ein Anlass mich frei zu lassen. Ich scherze natürlich. Niemand wird mich freilassen. Dmitrij Pchelincev an seine Frau

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Datum

10 May 2018

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