{"id":703,"date":"2018-05-10T18:43:04","date_gmt":"2018-05-10T15:43:04","guid":{"rendered":"https:\/\/rupression.com\/?p=703"},"modified":"2018-05-10T20:15:22","modified_gmt":"2018-05-10T17:15:22","slug":"703","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rupression.com\/de\/2018\/05\/10\/703\/","title":{"rendered":"Airsoft. Der \u201eTerrorismusfall\u201c Pensa"},"content":{"rendered":"<p><em>Am 23. Januar 2018 ist in St. Petersburg der Antifaschist Viktor Filinkov verschwunden. Nach zwei Tagen wurde er gefunden. Wie die Pressestelle der St. Petersburger Gerichte vermeldet, wurde Filinkov verhaftet und hat gestanden Teil einer terroristischen Vereinigung, die eine \u201eanarchistische Ideologie teilt\u201c zu sein. Einen Tag sp\u00e4ter suchten ihn Mitglieder des ONK, einer Beobachtungskommission zur Einhaltung der Menschenrechte, auf und es stellte sich heraus, dass Filnikov gefoltert wurde. <span id=\"more-1284\"><\/span>Am 25. Januar ist der St. Petersburger Igor Shishkin verschwunden. Zuletzt ging er mit seinem Hund Gassi. Nach Hause kam der Hund nicht alleine, sondern in Begleitung vom Geheimdienst. Das Dzerzhinsky-Gericht in St.Petersburg hat Shishkin nach denselben Anklagepunkten wie Filinkov verurteilt. Journalisten wurden zu der Gerichtsverhandlung nicht zugelassen. Er wurde brutal zusammengeschlagen. Die Ermittlungen zu diesen Vorf\u00e4llen in St. Petersburg wurden durch ein Bezirksgericht der Stadt Pensa sanktioniert.<\/em><\/p>\n<p><strong>Was verbindet Pensa, St. Petersburg und Antifaschisten?<\/strong><\/p>\n<p>Am 11. Dezember 2017 ver\u00f6ffentlichte die Plattform OVD-Info einen ausf\u00fchrlichen Bericht \u00fcber die Verfolgungen im Zusammenhang mit der \u201eRevolution von Malcev\u201c am 5. November. Dort fand unter anderem das Strafverfahren \u00fcber eine terroristische Vereinigung in Pensa Erw\u00e4hnung. Damals berichteten wir, dass in diesem Fall f\u00fcnf Personen angeklagt waren, zwei von ihnen Anarchisten. Das stimmt allerdings nicht ganz. Angeklagt waren in diesem Fall tats\u00e4chlich sechs Personen und keine von ihnen ist auf irgendeine Art mit dem Fall Malcev verbunden, auch wenn die gerichtliche Untersuchung vermutlich <em>etwas anders behauptet<\/em>. Au\u00dferdem sind unter den Angeklagten auch Antifaschisten. Einer von ihnen, Arman Sagynbaev, lebte vor seiner Verhaftung in St. Petersburg. Nach Berichten der Internet-Zeitung \u201eFontanka\u201c, tauchten bei der Verhandlung zur Verl\u00e4ngerung von Shishkins Untersuchungshaft in den Unterlagen, die dem Ermittler vorgelegt wurden, Protokolle des Verh\u00f6rs von Sagynbaev auf.<\/p>\n<p>Am 17. oder 18. Oktober wurde in Pensa der erste Angeklagte in diesem Fall, Egor Zorin, verhaftet. Darauf folgten Verhaftungen des Antifaschisten Ilja Shakursk und die seines Bekannten Vassilij Kuksov. Am 27. Oktober wurde Dmitrij Pchelincev verhaftet. Anfang November wurde in Pensa Andrej Chernov und in St. Petersburg Arman Sagynbaev verhaftet. Sagynbaev wurde dabei nach Pensa \u00fcberf\u00fchrt und in Isolationshaft gesteckt. Laut gerichtlicher Untersuchungen sollen sie alle Teil der Terrorgruppe \u201e5.11\u201c gewesen sein, die Unruhen im Land vorbereitet haben soll. Momentan befinden sich f\u00fcnf Personen in Untersuchungshaft, die sechste steht unter Hausarrest. Die Angeklagten des Falles berichten von psychologischer Druckaus\u00fcbung, Folter mit Elektroschockern, einem \u201ekopf\u00fcber aufgeh\u00e4ngt werden\u201c und Waffen, die der Geheimdienst FSB ihnen untergeschmuggelt hat.<\/p>\n<p>Beim Airsoft gibt es im Vergleich zum Paintball kein <em>Rating, <\/em>weil die Verantwortung f\u00fcr die Einhaltung der Regeln ganz in den H\u00e4nden der Spieler selbst liegEin Spieler der getroffen wurde, ist verpflichtet das sofort zuzugeben und unverz\u00fcglich einen gut unterscheidbaren roten Verband anzulegen, der seinen Tod (oder eine Verletzung) im Spiel bedeutet. Der Spieler ist sogleich verpflichtet, einen zu diesem Zweck als Friedhof (oder Lazarett) markierten Ort aufzusuchen. Dementsprechend zielt das Spiel auf keinen Gewinn ab, sondern auf Ehrlichkeit und Spa\u00df an der Sache. Dar\u00fcber zu streiten wer tot ist und wer nicht, ist sehr unangenehm. Spieler, die noch w\u00e4hrend des Spiels dar\u00fcber einen Streit losbrechen, werden bis zum Ende des Spiels vom Spielfeld entfernt.<\/p>\n<p>Als Waffen werden beim Spiel sogenannte Softairwaffen mit Plastikmunition des Kalibers 6 oder 8 mm eingesetzt. Die Kugel wird mithilfe von Druckluft oder eines Gasgemischs abgefeuert. Solche von Airsoft-Spielern benutzte Waffen werden \u201eDrivegear\u201c genannt. \u00dcblicherweise wird das Drivegear durch einen elektrischen Motor mit einer Batterie betrieben, aber es gibt auch Waffen, die mithilfe von Muskelkraft oder Gas funktionieren.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;\u201eGar kein Zweifel, Terrorismus ist \u00fcbel\u201c, sagt Alexander Fedulov, der Anwalt Kuksovs. \u201eAber man sollte diejenigen bestrafen, die wirklich damit zu tun haben und nicht alle durch die Bank weg. Ich habe auch Airsoft gespielt. Nur um mal abzuschalten. Ich habe auch eine Drivegear zuhause. Daf\u00fcr braucht man keine Genehmigung. Ich habe abends auch auf Ziele im Park geschossen. Ich mochte es einfach als Spielzeug\u2026 &#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev an seine Frau&lt;br \/&gt;<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;right&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;Dann hat Vasya eben gerne Kriegsspielchen gespielt. Zweimal hat er eine Drivegear abgefeuert\u2026 Zur Verhandlung \u00fcber eine Verl\u00e4ngerung (des Arrests \u2013 Erg\u00e4nzung von OVD-Info) habe ich ein zwanzigmin\u00fctiges Pl\u00e4doyer abgehalten. Nicht ein Wort davon ist in die Urteilverk\u00fcndung mit einbezogen worden. Der Ermittler verliest den Gerichtsbeschluss: \u201e\u2026 Beteiligung an illegalen \u00dcbungen zum \u00dcberlebenstraining im Wald und dem Erlernen von Erste Hilfe Ma\u00dfnahmen\u201c. An welcher Stelle des Gesetzbuches steht die Legalit\u00e4t dieser T\u00e4tigkeiten zur Disposition?! Und verstehst du, der Richter sitzt da und nickt dazu. \u201ePlanten Anschl\u00e4ge auf die B\u00fcros der Partei \u201eEiniges Russland\u201c, Anschl\u00e4ge auf Post\u00e4mter\u2026\u201c. So ein Schwachsinn!\u201c&#8221; cite=&#8221;Angelina Pchelenceva zu ihrem Mann&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Als am 19. Oktober Kuksovas Ehefrau Elena von der Arbeit nach Hause kam, stellte sie fest, dass Vassilij immer noch nicht zuhause war, obwohl er normalerweise vor ihr da sein sollte. Sie versuchte ihn auf seinem Handy zu erreichen, es gab ein Freizeichen, aber ihr Mann nahm nicht ab. Nach einigen Stunden h\u00f6rte Elena dann wie jemand versuchte die Wohnungst\u00fcr mit einem Schl\u00fcssel zu \u00f6ffnen. Als sie durch den T\u00fcrspion schaute, erblickte sie etwa zehn unbekannte M\u00e4nner, einer von ihnen hatte ihren Ehemann am Hals gepackt, Vassilij konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die M\u00e4nner verk\u00fcndeten, dass sie vom FSB seien.<\/p>\n<p>Hose und Jacke ihres Mannes waren zerrissen und blutverschmiert. Stirn und Nase waren gebrochen, als h\u00e4tte man ihn buchst\u00e4blich gegen Asphalt geschlagen. Nach Elenas Angaben verlief die Hausdurchsuchung oberfl\u00e4chlich. Danach wurde Vassilij gefragt ob er im Besitz eines Autos sei. Die FSB-Mitarbeiter f\u00fchrten Kuksov und seine Frau zum Auto und befahlen ihm es zu \u00f6ffnen. Als Kuksov sich dem Auto n\u00e4herte, stellte er fest, dass das Schloss sich nicht an der gewohnten Stelle befand. Auf die verwunderte Anmerkung Kuksovs erwiderte der FSBler grob \u201eWas willst du denn damit sagen?\u201c Der Geheimdienst begann das Auto zu durchsuchen und fand dabei eine Waffe. Kuksov, der bis dahin sehr ruhig war, begann zu schreien, dass ihm die Waffe untergejubelt wurde.<\/p>\n<p>Am selben Tag wurde Ilja Shakurskij verhaftet. Anfangs wurde er noch der Organisation der Gruppe bezichtigt, sp\u00e4ter wurde die Anklage auf \u201eBeteiligung\u201c abge\u00e4ndert. Shakurskij organisierte Vortr\u00e4ge, Aufr\u00e4umaktionen in Parks im Rahmen von Umweltschutzinitiativen, veranstaltete Tierschutzaktionen. Shakurskij ist durchaus eine Figur mit Wiedererkennungswert in der lokalen linken Szene.<\/p>\n<p>Eine Freundin von Shakurskij berichtet, dass er es schon zu Schulzeiten irgendwie geschafft hatte seine Mitsch\u00fcler zu mobilisieren um gemeinsam mit ihnen den Fluss Moksha zu s\u00e4ubern. Zuvor ist noch nie jemandem so eine Idee in den Sinn gekommen, aber Ilya schon. Nach einer Weile suchten dann Vertreter der Stadtverwaltung der Stadt Moksha gemeinsam mit der Polizei die Schule auf.\u00a0Shakurskijs Mitsch\u00fclern wurde eine extra Lehrstunde erteilt, in der den Sch\u00fclern erz\u00e4hlt wurde Ilya sei ein Nazi und seine Altersgenossen m\u00fcssten den Kontakt zu ihm abbrechen. \u00dcber diese Geschichte haben Shakurskij und seine antifaschistischen Freunde sich noch sehr lange am\u00fcsiert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Gerichtsverhandlung \u00fcber die Verl\u00e4ngerung der Untersuchungshaft am 14. Dezember, sa\u00df Shakurskij aus irgendeinem Grund im Zuschauerraum des Gerichtssaals und nicht gemeinsam mit Sagynbaev und Pchelincev im Gerichtsk\u00e4fig. M\u00f6glicherweise wollte der Ermittler somit verhindern, dass Shakurskij sich mit den anderen Angeklagten unterh\u00e4lt. Die drei Angeklagten hatten eine gemeinsame Gerichtsverhandlung. Shakurskij wirkte sehr bedr\u00fcckt, sa\u00df mit heruntergezogener Kapuze da. Neben ihm sa\u00df seine Mutter, die ihn die ganze Zeit umarmte. Sie fragte ihren Sohn die ganze Zeit etwas, er aber antwortete immer einsilbig. Das l\u00e4ngste, das er seiner Mutter w\u00e4hrend ihrer Unterhaltung erwiderte war auf das Neujahrsfest bezogen: \u201eMama, du musst unbedingt die Tanne schm\u00fccken.\u201c<\/p>\n<p>Laut Angaben des Anwalts Fedulov, hat Shakurskij ein Schuldgest\u00e4ndnis abgegeben. Im Gro\u00dfen und Ganzen haben alle ein Schuldeingest\u00e4ndnis abgeliefert. Alle, au\u00dfer Kuksov, der sich auf sein Recht zu schweigen, nach Artikel 51 der Verfassung berief und die Aussage verweigerte. Vor einiger Zeit waren Shakurskij und Pchelincev noch Freunde, trainierten und machten Sport zusammen, spielten gemeinsam Airsoft. Aber in den vergangen Monaten hatten die beiden keinen Kontakt zueinander.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;&lt;br \/&gt;<br \/>\n\u2026es ist niedertr\u00e4chtig so mit Menschen umzugehen. Du wirst verd\u00e4chtigt und beschuldigt, aber solange keine Beweise vorliegen, bist du unschuldig. Und warum befinde ich mich dann in solch beschissenen Umst\u00e4nden, SO IST DAS eine doppelte Bestrafung f\u00fcr etwas, was ich gar nicht verbrochen habe. &#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev zu seiner Frau&lt;br \/&gt;<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;right&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;&lt;br \/&gt;<br \/>\nIch pfeife auf Geburtstage, das Neujahrsfest und alle anderen Feiertage. Und ich pfeife auf alle Schwierigkeiten die mir noch bevorstehen. Nur du bist mir wichtig. Wenn ich k\u00f6nnte, w\u00fcrde ich alles an deiner Seite mit dir durchstehen. Aber ich wei\u00df, dass du dagegen w\u00e4rst und es ohnehin unm\u00f6glich w\u00e4re. Ich werde alles in meiner Macht stehende tun um dir zu helfen. Und du sorg dich blo\u00df nicht um mich, glaub mir, ich werde zurechtkommen.&#8221; cite=&#8221;Angelina Pchelenceva zu ihrem Mann&lt;br \/&gt;<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n\n<p>Vor seiner Verhaftung arbeitete Pchelincev als Schie\u00dftrainer. Eine Ausbildung erhielt er im Rahmen seines Wehrdienstes an der Artillerie- und Ingenieur-Schule der Stadt Pensa. Am 27. Oktober verlie\u00df Pchelincev fr\u00fch morgens sein Haus um seine Gro\u00dfmutter zu treffen. Seine Frau Angelina schlief noch als Pchelincev in die Wohnung zur\u00fcckkehrte. In Handschellen und in Begleitung des Geheimdienstes FSB. Nach Berichten der Ehefrau habe der Geheimdienst bei der Hausdurchsuchung die gesamte Wohnung auf den Kopf gestellt. Im Anschluss wurden beiden die Telefone und andere technische Informationstr\u00e4ger weggenommen. Au\u00dferdem wurden beschlagnahmt: eine registrierte Schusswaffe, zwei Jagdkarabiner, sowie zwei Schreckschusspistolen.<\/p>\n<p>Danach gingen sie zu seinem Auto. Pelinchevs Wagen war zu dem Zeitpunkt schon eine Weile kaputt, er hatte es zuvor mit M\u00fche und Not zum Haus geschleppt. Die Alarmanlage funktionierte auch nicht. Die FSB-Mitarbeiter stiegen ins Auto und durchsuchten es. Und in einem Moment, in dem keiner hinsah, fanden sie pl\u00f6tzlich unter dem R\u00fccksitz zwei Handgranaten. Pchelincev sagte darauf: \u201eDas Auto hat keine funktionierende Alarmanlage \u2013 ganze Arbeit geleistet!\u201c und deutete damit an, die Handgranaten seien ihm untergejubelt worden.<\/p>\n<p>Noch am selben Tag wurde Angelina vom FSB angerufen und zu einer vermeintlichen Befragung ihres Mannes bestellt. Es sei n\u00f6tig, dass sie bei dem Verh\u00f6r ihres Mannes mit anwesend sei. Bei der FSB-Stelle angekommen musste sie dann feststellen, dass kein Verh\u00f6r ihres Mannes anstand. Frau Pchelinceva wurde von zwei Geheimdienstmitarbeitern empfangen. W\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs mit den beiden, spielte einer von ihnen mehrdeutig mit einer \u201eAhle\u201c herum, einem Werkzeug mit spitz zulaufendem, d\u00fcnnen Metallstift und Holzgriff. Dabei drohte er Frau Pchelinceva, ihr Mann k\u00f6nne Lebensl\u00e4nglich bekommen. Der FSBler sagte dabei man m\u00fcsse nur \u201ejemandem ins Bein schie\u00dfen\u201c, damit Pchelincev aufh\u00f6re seine Aussage nach Artikel 51 der Verfassung zu verweigern.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;Das Bescheuertste an diesem Fall ist, es wird von einer Terrororganisation gesprochen, die weder jemals einen Terroranschlag ver\u00fcbt, noch einen geplant hatte, \u2013 sagt Pchelinceva. \u2013 \u201eDas hei\u00dft bei der Gerichtsverhandlung konnte von keinem geplanten Anschlag die Rede sein, es war unm\u00f6glich zu sagen, sie planten an dem und dem Tag die und die Tat. Das war unm\u00f6glich zu bestimmen, weil \u00fcberhaupt nichts geplant wurde. Alles was die Angeklagten taten, waren Erste Hilfe \u00dcbungen unter Feldbedingungen zu trainieren und \u00dcberlebenstraining im Wald zu proben. Ist das etwa illegal?\u201c&#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev an seine Frau&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nach einigen Tagen in Untersuchungshaft verk\u00fcndete Pchelencev, dass er bereit ist seine Schuld einzugestehen. Das war ein gro\u00dfer Schock f\u00fcr seine Familie, die sich der Unschuld Dmitrijs vollkommen sicher war. Um sich einen Anwalt leisten zu k\u00f6nnen, nahmen seine Verwandten einen Bankkredit auf. Der Anwalt Aleksej Agafonov verlangte 150 Tausend Rubel (etwa 2.150 Euro) als Vorauszahlung. Trotz dieser Gage, k\u00fcmmerte sich der Anwalt aber herzlich wenig um die Bed\u00fcrfnisse seines Mandanten. Agafonov besuchte Pchelencev regelm\u00e4\u00dfig in Untersuchungshaft und zeigte ihm dabei lediglich wo er welche Unterlagen der Staatsanwaltschaft zu unterschreiben habe. Der Anwalt h\u00e4tte aber durchaus auch arrangieren k\u00f6nnen seinen Mandanten Dmitrij vor dem Eintreffen des Ermittlers am Montag zu treffen und zus\u00e4tzlich am Dienstag beim Eintreffen der FSB-Mitarbeiter anwesend sein k\u00f6nnen. Auf das befremdete Erstaunen Pchelincevs antwortete der Anwalt Agafonov nur: \u201eNun, ich bin ja noch aufgekreuzt.\u201c<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;<br \/>\nUngerecht. Unehrlich. Falsch. Sinnlos. Alle Wege meines Lebens f\u00fchrten nur auf eins hinaus. Du, Gro\u00dfmutter, meine Schwester und Eltern, sowie noch eine Menge anderer Leute wissen, dass ich ein guter Mensch bin. Aber warum z\u00e4hlt das nun alles nicht und ist das bei allem was mir gerade widerf\u00e4hrt nicht von Belang, drauf gespuckt? Gespuckt auf die gesamte, vollkommen harmlose Person, mit all ihren Freuden und Leiden, Gedanken und Sorgen. Was bringt das alles, au\u00dfer einem gro\u00dfen Trauma f\u00fcr mich und meine Liebsten? Das alles macht mich nicht mal mehr w\u00fctend, sondern nur noch unendlich traurig. Das alles ist kein Zufall, keine ungl\u00fcckliche F\u00fcgung der \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde. Es ist einfach eine ungerechte Bestimmung, von jemandem konkret veranlasst. Ein sinnloser Samstag. Wenigstens durfte ich duschen. Mir den Bart abrasieren. Ich m\u00f6chte nicht dem \u00e4hneln, was mir unterstellt wird. Womit liege ich denn blo\u00df falsch, Angelina?&#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev an seine Frau&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;<br \/>\nIch glaube dir, genau wie auch deine Familie und deine Freunde. Alle sind sehr besorgt um dich und wissen was vor sich geht. F\u00fcr uns ist das ganz offensichtlich. Den ersten Monat habe ich mich noch gefragt wie man nur SO mit einem Menschen umspringen kann. Aber sp\u00e4ter habe ich aufgeh\u00f6rt nach einem Sinn zu suchen. Das ist eine gnadenlose Walze, der es v\u00f6llig egal ist, wen sie \u00fcberrollt und wer unter ihr begraben wird. &#8221; cite=&#8221;Angelina Pchelinceva an ihren Mann:<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n<p>Einmal fragte der Anwalt Agafonov Pchelincevas Frau bei einem Treffen, ob ihr Mann sich \u201eFantasien hingebe\u201c, mit anderen Worten an Wahnvortellungen leide. Angelina verstand nicht ganz und erwiderte, dass in seiner Lage wohl kaum die Zeit f\u00fcr \u201eFantasien\u201c sei. Sp\u00e4ter stellte sich heraus, dass Dmitrij seinem Anwalt erz\u00e4hlte, dass er jeden Tag von Mitarbeitern des FSB aufgesucht werde und sie ihn in einem anderen Zimmer \u201everh\u00f6rten\u201c. Aber der Anwalt war der Meinung, dass so etwas in Untersuchungshaft unm\u00f6glich sei. So etwas sei dort strikt verboten.<\/p>\n<p>Anfangs hat Angelina keine Post von ihrem Mann erhalten, obwohl er ihr so gut wie jeden Tag Briefe schrieb. Die Briefe landeten alle auf dem Tisch der FSB-Mitarbeiter. Erst nach einem Monat fand Angelina einen dicken Umschlag in ihrem Briefkasten, der alle Briefe ihres Mannes des vergangen Monats beinhaltete. Dann stellte sich erst heraus, dass Dmitrij sich praktisch seit dem ersten Tag \u00fcber seinen Anwalt Agafonov beschwerte. Angelina sagte, dass der eigene Anwalt ihrem Mann nicht glauben wollte, gab Dmitrij endg\u00fcltig den Rest. Dabei sa\u00df er auch noch in Einzelhaft in maximaler Isolation von der gesamten Au\u00dfenwelt. Der Anwalt war dabei der einzige Mensch dem er sich in dieser Situation anvertrauen konnte.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;Bedenkt man die Verkn\u00fcpfung zwischen den Sicherheitsorganen und den Gerichten unserer Stadt, so reichen schon die kleinsten Beweise f\u00fcr eine Verurteilung aus, \u2013 meint Fedulov. \u2013 Weil das ein Pr\u00e4zedenzfall in unserer Region ist. Alle sind nat\u00fcrlich interessiert an der Geschichte, gem\u00e4\u00df dem Fall: Stell dir vor, sie haben die Terroristen geschnappt! Terroristen, die mit Holzst\u00f6cken und Kiefernzweigen durch den Wald gerannt sind.  Vassja hat mir damals erz\u00e4hlt: \u201eWei\u00dft du wovor ich damals am meisten Schiss hatte, Sasha? Das tats\u00e4chlich jemand sieht wie ich im Wald rumrenne und Kriegsspielchen spiele. Ich w\u00e4re vor Scham im Erdboden versunken\u201c. Einen Verfassungssturz sollen sie geplant haben\u2026 Den Verfassungssturz auf wessen Territorium denn\u2026 Auf dem Territorium des Dorfes \u201eShalushejki\u201c? Und womit h\u00e4tten sie diesen Sturz herbeigef\u00fchrt- mit ihren \u201eDrivegears\u201c?&#8221; cite=&#8221;<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Einmal erhielt Pchelinceva einen Brief von Ihrem Mann auf einem Fetzen Papier, wahrscheinlich aus einem Schreibheft rausgerissen. Am Anfang stand geschrieben, dass ihr Mann 800-Seiten lange B\u00fccher liest und seine Frau liebt. Diese Zeilen waren aber durchgestrichen und dahinter angef\u00fcgt schrieb Dmitrij in sehr unleserlicher Schrift: \u201eSchreib mir nicht mehr, schick mir keine Sachen her, fahr m\u00f6glichst weit weg und frag nicht mehr nach mir, mit mir ist alles vorbei.\u201c<\/p>\n<p>In eben diesem Brief schreibt Pchelincev auch, dass ihm Beruhigungsmittel gespritzt und Tabletten verabreicht werden \u2013 und das sei \u201eschlimmer als der Tod\u201c. Seine Frau dachte Dmitrij w\u00e4re nicht ganz bei sich und antwortete ihm:<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;\u201eIch habe ein St\u00fcck Papier zur Hand genommen und mit zitternden H\u00e4nden geschrieben, dass alles gut werden wird. Ich habe realisiert, dass wenn auch f\u00fcr uns hier nicht so viel Zeit vergangen ist, so war diese Zeit f\u00fcr ihn doch beachtlich l\u00e4nger. Damals hat Dmitrijs Vater dann dem Anwalt Agafonov erkl\u00e4rt, er solle sich aus der Vorauszahlung, die ihm geleistet wurde soviel nehmen wie er f\u00fcr angemessen h\u00e4lt und ihnen den Rest zur\u00fcckerstatten. Und dann haben wir einen neuen Anwalt gefunden.\u201c&#8221; cite=&#8221;<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Verhandlung von Pchelincevs Anklage am 1. Dezember durften Angelina und Dmitrij sich sehen und miteinander reden. Dmitrij erz\u00e4hlte, er habe um ein Treffen mit seiner Frau gebeten um \u201eAbschied zu nehmen\u201c. Nach Pchelincevs Angaben wurde er t\u00e4glich gefoltert \u2013 er wurde kopf\u00fcber aufgeh\u00e4ngt, Stromschl\u00e4ge wurden an unterschiedlichen K\u00f6rperstellen verabreicht, unter anderem an den Lenden. Er hatte Todesangst, f\u00fcrchtete sie k\u00f6nnten ihn umbringen und es hinterher wie Selbstmord aussehen lassen. Er sagte, dass sein Organismus die Folterungen nicht aushalten k\u00f6nnte: \u201eIch habe Angst, dass mein Herz das nicht mitmacht und ich hier lebend nicht mehr raus komme. Das ist die H\u00f6lle.\u201c Pchelincev bat seine Frau dem Ermittler zu sagen, dass er sich von ihr \u201everabschiedet habe\u201c, in der Hoffnung sie w\u00fcrden ihn an diesem Tag von den Folterungen verschonen. Angelina berichtet, dass sie sich schon im Vorfeld auf diesen Besuch vorbereitet hatte, sie wollte nicht vor den FSBlern weinen und versuchte die Fassung zu bewahren und bem\u00fchte sich sehr ihren Mann irgendwie aufzuheitern. Sie versuchte ihren Mann zu \u00fcberzeugen nicht aufzugeben und durchzuhalten, abzuwarten bis der neue Anwalt sich etwas einfallen lie\u00dfe.<\/p>\n<p>Nachdem ihr Mann wieder abtransportiert wurde, fragte der Ermittler Angelina wor\u00fcber sie mit ihm gesprochen habe. Sie antwortete: \u201eH\u00f6ren Sie auf Dima zu t\u00f6ten\u201c.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;Ich h\u00e4tte \u00fcberhaupt nichts dagegen, wenn wir den Mars besiedeln w\u00fcrden. Besser noch einen viel weiter entfernten Ort. Damit f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle diese Erdenb\u00fcrger nicht zu uns fliegen k\u00f6nnten. Das n\u00e4chste Mal brauchst du mir \u00fcbrigens nichts zu schicken. Ich denke ich brauche nichts. Also fahre erst mal nicht mehr zu mir. Ich schreibe dir, falls was ist. Im Gro\u00dfen und Ganzen halte ich durch. Denke mir aus, wie wir gemeinsam leben k\u00f6nnten.&#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev an seine Frau<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;<br \/>\nIch hab alles mit Elon Musk vereinbart. Wir fliegen gemeinsam davon und kehren nie wieder auf diesen Planeten zur\u00fcck. Lass uns nur durchhalten und warten bis das Raumschiff fertig gebaut ist, einverstanden?&#8221; cite=&#8221;Angelina Pchelinceva an ihren Mann<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n\n<p>Arman Sagynbaev, einer der am sp\u00e4testen verhafteten Angeklagten, hat schwerwiegende gesundheitliche Probleme und ben\u00f6tigt langfristige medizinische Hilfe. Bei seiner letzten Gerichtsverhandlung \u00fcber die Verl\u00e4ngerung der Ma\u00dfregel im Dezember berichtete er, dass er an st\u00e4ndigem Erbrechen und \u00dcbelkeit leide.<\/p>\n<p>Zorin ist ein Kommilitone Shakurskijs, sie studierten gemeinsam an der Penser Staatlichen Universit\u00e4t Physik auf Lehramt. Zorin wurde als Erster verhaftet und er hat auch als erster ausgesagt. In seiner Aussage finden sich Passagen wie: \u201e\u2026 Terrororganisation \u00e4u\u00dferster Geheimhaltung, die sich in W\u00e4ldern ein Schema zum Regierungssturz erarbeite\u2026\u201c Das neue Jahr begann Zorin in Freiheit \u2013 er wurde aus der Untersuchungshaft in den Hausarrest entlassen.<\/p>\n<p>Laut der Version des Ermittlers, sei die Gruppe \u201e5.11\u201c mit dem Ziel gegr\u00fcndet worden, einen revolution\u00e4ren Putsch zu planen und die Regierung mit Hilfe terroristischer Handlungen zu st\u00fcrzen.Neben dieser Gruppe seien au\u00dferdem noch weitere, \u00e4hnliche Gruppierungen auf dem Territorium der Russischen F\u00f6deration t\u00e4tig, die gemeinsam Teil einer verbindenden Organisation seien, die mit vergleichbaren Zielen und Methoden t\u00e4tig agiere.<\/p>\n<p>Die Teilnehmer der Gruppe \u201e5.11\u201c handelten konspirativ, es h\u00e4tte unter ihnen eine Rollenzuweisung gegeben. So hei\u00dft es, in der Gruppe soll es einen Sappeur und einen Funker gegeben haben. In diesem Zusammenhang waren die Airsoft-Spiele, nach Auffassung des Ermittlers, Vorbereitungen f\u00fcr Terror. Dabei ist heute keinerlei Verbindung, ob prozessual oder faktisch, zwischen den beiden F\u00e4llen \u201eRevolution von Malcev\u201c und dem Penser Fall der Antifaschisten zu erkennen. Die einzige Gemeinsamkeit findet sich in der Verwendung der Zahlen 5 und 11 im Namen der \u201eTerroristischen Vereinigungen\u201c.<\/p>\n[aesop_quote type=&#8221;block&#8221; background=&#8221;#282828&#8243; text=&#8221;#ffffff&#8221; align=&#8221;left&#8221; size=&#8221;1&#8243; quote=&#8221;Das Licht brennt hier 24 Stunden am Tag. Wenn sie mich nicht f\u00fcr unschuldig befinden und raulassen, werden sie mich wegen fortgeschrittenen Alzheimers entlassen m\u00fcssen. Die Feuchtigkeit hier ist so enorm, sie k\u00f6nnten mich aufgrund von Tuberkulose gehen lassen. So schmutzig wie es hier ist, g\u00e4be es Anlass mich wegen Hepatitis frei zu lassen. Und soviel wie ich rauche, g\u00e4be es Anlass mich wegen Krebs gehen zu lassen. Und in Anbetracht der vielen Schokolade, die ihr mir geschickt habt, w\u00e4re Diabetes ein Anlass mich frei zu lassen. Ich scherze nat\u00fcrlich. Niemand wird mich freilassen.&#8221; cite=&#8221;Dmitrij Pchelincev an seine Frau<br \/>\n&#8221; parallax=&#8221;off&#8221; direction=&#8221;left&#8221; revealfx=&#8221;off&#8221;]\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. Januar 2018 ist in St. Petersburg der Antifaschist Viktor Filinkov verschwunden. Nach zwei Tagen wurde er gefunden. Wie die Pressestelle der St. Petersburger Gerichte vermeldet, wurde Filinkov verhaftet und hat gestanden Teil einer terroristischen Vereinigung, die eine \u201eanarchistische Ideologie teilt\u201c zu sein. 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